Akademische Laufbahn mit wenig Planung

Daniela Gorgas, Ausserordentliche Professorin für Radiologie an der Universität Bern
© Universität Bern. Bild: Daniel Rihs

Daniela Gorgas

Ausserordentliche Professorin für Radiologie

Prof. Dr. Daniela Gorgas ist seit Februar 2016 Ausserordentliche Professorin für Radiologie an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern und Abteilungsleiterin (100%). Daniela Gorgas ist Mitglied bei der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, beim European College of Veterinary Diagnostic Imaging und bei der Veterinärkommission Zuchtverband Schweizer Sportpferde. In der Freizeit trainiert sie regelmässig mit dem Radsportklub Aaretal Münsingen.

 

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Arbeit und welche Herausforderungen bringt sie mit sich?

Das Besondere an meiner Arbeit ist die grosse Vielfalt meiner Tätigkeit durch die Forschung, die Lehre für die Studierenden, die Ausbildung von TierärztInnen in Weiterbildungsprogrammen und die klinische Arbeit, die an unseren Kliniken durch die speziellen Fälle und den fachlichen Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen besonders interessant ist. Mit jeder dieser Aufgaben sind Herausforderungen verbunden. Die grösste Herausforderung ist wohl, alle Aufgaben unter einen Hut zu bringen. Man kommt zum Beispiel schnell in eine Zwickmühle, wenn man sich Zeit nimmt für Patienten und die Ausbildung der Studierenden während der Klinik, und diese Zeit dann für andere Tätigkeiten wie Forschungsprojekte fehlt.

Wie sieht Ihre akademische Karriere aus?

Schon früh im Studium wollte ich mich unbedingt in der Tiermedizin auf ein Teilgebiet spezialisieren, um sicher zu sein, dort meine Sache gut zu machen. Im Laufe des Studiums habe ich mich für die Radiologie entschieden und mein Ehrgeiz war, eine gute Radiologin zu werden. Selbst der Doktortitel hat mir nichts bedeutet, weil ich nicht gesehen habe, wie mir der Titel helfen würde, eine gut spezialisierte Tierärztin zu sein. Für eine Radiologin ist es wichtig, auch viel praktisches Wissen zu haben und so habe ich mich entschieden, direkt nach dem Studium in einer guten und spezialisierten Privatklinik zu arbeiten. Allerdings war damals für die Stelle der Residency in Radiologie der Doktortitel Bedingung. Deswegen habe ich parallel zur Arbeit in der Praxis die Dissertation angefertigt, was eine ziemliche Herausforderung war. Der Rest hat sich dann so ergeben. Mit der Anstellung an der Universität Bern habe ich Gefallen an der akademischen Tätigkeit bekommen, und ich bin hier geblieben. Bisher hatte ich das Glück, dass sich bei mir immer alles so ergeben hat, wie ich mir das vorgestellt habe, ohne dass ich verbissen darum kämpfen musste.

Mit welchen Hürden waren Sie konfrontiert? Wie haben Sie diese überwunden?

Eine Hürde in unserem Fachbereich ist sicherlich das Spannungsfeld zwischen dem Einsatz in der Klinik und der wissenschaftlichen Arbeit. In der Radiologie sind wir schon seit Jahren unterbesetzt. Die Attraktivität der Universität als Arbeitsplatz ist im Vergleich zum Arbeiten in der Privatpraxis bezüglich Lohn, flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeitangeboten gerade für RadiologInnen, die auch über Teleradiologie bequem ein Pensum von zu Hause arbeiten können, deutlich geringer. So blieb in den letzten Jahren oft zu wenig Zeit für Forschungsprojekte. Ausserdem fand ich das Erlernen des wissenschaftlichen Arbeitens äusserst schwierig. Wie plane ich gute Projekte und wie packe ich sie richtig an? Meine Habilitation habe ich auch eher planlos und nicht zielgerichtet angefangen, und gerade bei Misserfolgen wie abgelehnten Artikeln wusste ich oft nicht wie weiter. Mein Chef hat mich mental sehr unterstützt, mich motiviert und mir alle Freiheiten gelassen. Ich hätte damals aber vermutlich mehr Struktur und wissenschaftliche Unterstützung benötigt. Das Vet-Mentoring habe ich im Nachhinein gesehen zu früh in Anspruch genommen: Zu Beginn der Habilitation dachte ich nämlich noch, dass alles reibungslos läuft, die Schwierigkeiten kamen erst später. Und ein Konzept für die Probleme habe ich immer noch nicht. Ich bereue aber nicht, dass ich immer gern meine klinische Arbeit als Radiologin gemacht habe, und dafür eben etwas weniger erfolgreich publiziere.

Ich selbst habe keine Kinder, bin aber trotzdem privat eingespannt und gefordert. Mein Lebenspartner ist Tetraplegiker, der zwar ein recht eigenständiges Leben führen kann, aber zum Beispiel keine grosse Hilfe im Haushalt ist. Wir müssen uns gut organisieren und absprechen, und auch Hilfe von der Spitex und seiner Familie in Anspruch nehmen. Zum Glück werden mir aber die administrativen Dinge zu Hause, wie die Steuererklärung, von ihm abgenommen! Durch seine Behinderung ist auch mein Privatleben etwas entschleunigt – das tut mir eigentlich gut.

Was sind die Vorteile Ihres besonderen Werdegangs?

Die Zeit in der Privatpraxis hat für die Universität und den akademischen Lebenslauf keine Bedeutung, aber ich würde mich immer wieder dafür entscheiden, da ich unglaublich viel gelernt habe, sowohl im tiermedizinischen Bereich als auch im Umgang mit KollegInnen, Vorgesetzten und PatientenbesitzerInnen. Mit dieser Erfahrung lernt man viele Dinge an der Universität schätzen, aber gleichzeitig kann man die Wichtigkeit mancher akademischer Probleme relativieren.

Welche strukturellen Veränderungen wünschen Sie sich an den Universitäten?

Mir fällt auf, dass für die Habilitation und auch für die verschiedenen Bewerbungsverfahren die Lehrtätigkeit wenig Anerkennung findet. Der Grundauftrag der Universität ist Lehre und Forschung, aber die Forschung spielt in den Bewertungen von KandidatInnen – und auch von Universitäten – eine viel grössere Rolle, natürlich auch wegen des Einwerbens von Drittmitteln. Das ist besonders für die Mittelbauangehörigen, die sich für ihre Stellen qualifizieren müssen, ein Problem, da die Zeit, die in die Lehre investiert wird für die Forschung fehlt. Meiner Meinung nach sollte die Universität das Engagement in der Lehre deutlicher und stärker bewerten.

Ausserdem wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zwar überall gross geschrieben, aber praktisch wird sehr oft an alten Reglementen und Ordnungen festgehalten, die die Vereinbarkeit von Familie und akademischer Laufbahn verhindern. Wie kann man zum Beispiel heute noch an einem auswärtigen Jahr als Bedingung für eine akademische Laufbahn festhalten? Das war früher sinnvoll und ratsam, allerdings ist häufig die Ehefrau dem Mann in den Auslandsaufenthalt gefolgt. Es gibt Männer, die Frau oder Familie für ein Jahr begleiten. Aber kann man den anderen heutzutage verübeln, dass sie ihren gut bezahlten Job oder ihre Karriere nicht aufgeben wollen, zumal die weitere berufliche Zukunft der Frau anschliessend an das Jahr häufig auch nicht gesichert ist? Meiner Meinung nach muss besonders in der Veterinärmedizin, wo die Universität als unattraktive Laufbahn gilt, über eine Modernisierung der akademischen Laufbahn nachgedacht werden.

Für meine Habilitation hätte ich mir einen besser strukturierten Rahmen gewünscht, am liebsten mit etwas Theorie über klinische Forschung, Projektdurchführung, wissenschaftliches Arbeiten und erfolgreiches Publizieren. Ich hätte damals zwar lieber ein PhD an der Graduate School mit frühzeitiger externer Projektevaluation absolviert, aber wegen meines hohen Anteils an klinischer Tätigkeit wäre das nicht akzeptiert worden.